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AUF DER SUCHE NACH HEIMAT

  • Autorenbild: Danijela
    Danijela
  • 9. Nov. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Für die Immigranten und Exilanten überall auf der Welt – die Entwurzelten, Neuverwurzelten, Wurzellosen.

(Das Flüstern der Feigenbäume – Elif Shafak)


Dieser Satz aus dem wundervollen Buch von Elif Shafak erinnert mich an das Gefühl, auf der Suche zu sein, auf der Suche nach Heimat.

Dieses Gefühl begleitet mich seit meinem zwölften Lebensjahr. Im wahrsten Sinne des Wortes entwurzelt, musste ich von heute auf morgen meine Heimat Bosnien wegen eines Bürgerkriegs verlassen. Seitdem bin ich auf der Suche, nach Heimat, nach einem Ort, einem Gefühl, einem Menschen, einem Klang, einem Duft aus meiner Kindheit.

Oder vielleicht nach etwas, das jenseits von Raum und Zeit liegt?


In einem mir fremden Land, dessen Sprache ich nicht sprach, unter Menschen, die anders waren als jene, die ich kannte, fühlte ich mich fremd, verloren, entwurzelt.

Viele Jahre lang war ich auf der Suche. Ich klammerte mich an Jobs, die mich nicht erfüllten, an Menschen, an Orte. Ich hatte mich völlig verloren in dieser endlosen Suche nach etwas, ohne zu wissen, wonach ich eigentlich suchte.

Alles, was ich fand, konnte dieses Gefühl des „Angekommenseins“ nicht stillen. Ich hatte Angst, loszulassen, weiterzugehen, mich zu bewegen, aus der leisen Überzeugung heraus: Ich muss bleiben, sonst entwurzle ich mich noch mehr.

Doch genau das Gegenteil geschah: Je mehr ich mich verstellte, desto mehr entfernte ich mich von mir selbst, von meinem wahren Selbst. Damals war mir nicht bewusst, dass meine wahre Heimat nicht in der äußeren Welt liegt.


Heimat als Zustand des Bewusstseins


Wahre Heimat ist kein geografischer Punkt auf der Landkarte, sondern ein Zustand des Bewusstseins. Es ist der Moment, in dem wir aufhören, anders sein zu wollen. Wenn wir aufhören zu suchen, und einfach sind. Wenn wir erkennen, dass wir nicht getrennt sind von der Welt, sondern ein Ausdruck des Ganzen.


Als ich meinen Weg zum Yoga fand und in die Philosophie eintauchte, begann ich langsam, mich wiederzufinden. Ich war an einem Punkt in meinem Leben angekommen, an dem es nicht mehr weiterging. Also ergriff ich die Chance und begann, nicht mehr im Außen zu suchen, sondern den Weg zurück zu mir selbst zu gehen, zu dem Menschen, der ich wirklich bin. Zu dem zwölfjährigen Mädchen, das sich verloren hatte in dieser großen, weiten Welt und niemanden hatte, der es auffangen konnte.

Durch Yoga, Achtsamkeit und Meditation begann ich, mich diesem inneren Ort wieder zu nähern, dem Ort, an dem ich so lange nicht gewesen war, den ich all die Jahre vergessen hatte.

Aber wo ist dieser Ort?


Der Weg nach Hause führt nach innen


Dieser Ort, meine Heimat, wie ich ihn nenne, ist dort, wo unser Herz still wird. Wo die Fragen aufhören, Antworten zu sein. Wo wir den Mut haben, uns selbst zu begegnen, so wie wir wirklich wirklich sind, tief in uns drin.

Und es ist nicht einfach, zu diesem Ort zurückzukehren, denn er ist oft voller Schmerz, Angst und Wunden. Es erfordert Mut und Kraft, aber es lohnt sich. Es lohnt sich, nach innen zu schauen und sich zu erinnern: Wer bin ich? Wer war ich als Kind? Welche Träume hatte ich? Was habe ich gefühlt, gerochen, gespürt? Sich zu erinnern, an das Schöne und an das weniger Schöne, Schritt für Schritt.

In diesem Raum der inneren Stille öffnet sich eine tiefe Geborgenheit, die nicht von äußeren Umständen abhängt. Sie ist da, wenn wir in der Natur den Wind auf unserer Haut spüren, wenn wir in den Augen eines anderen Menschen unsere eigene Seele erkennen oder wenn wir in der Meditation spüren, dass es nichts mehr zu tun gibt, außer zu sein.

Vielleicht sind es auch jene Momente, in denen du bewusst im Hier und Jetzt bist, nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft, nicht auf der Suche nach etwas, das du nie im Außen finden wirst.


Heimat ist das Jetzt


Das, wonach ich suchte, war nie verloren, nur vergessen. Wenn wir still werden und unsere Aufmerksamkeit in den gegenwärtigen Moment bringen, erkennen wir, die Heimat, nach der wir suchen, ist kein Ort, keine Person, kein Besitz und kein Erfolg. Sie ist hier, jetzt, in diesem Moment.

Manchmal müssen wir erst alles verlieren, um zu begreifen, dass wir nichts verlieren können. Denn das, was wir wirklich sind, ist unzerstörbar, Bewusstsein selbst, weit, still, leuchtend.


Veränderung als Teil des Lebens


Ich hatte lange Angst vor Veränderung, weil ich dachte, wenn alles bleibt, wie es ist, bin ich sicher. Dieses Gefühl von Sicherheit gab mir das Gefühl, Zuhause zu sein. Doch das Leben zeigte mir, dass nichts sicher ist. Das Leben passiert und oft ohne sich anzukündigen.

Je mehr ich mich erinnerte, wer ich wirklich bin, desto freier wurde ich. Meine Ängste begannen sich zu lösen. Ich begann, mich zu entspannen und erlaubte mir, einfach zu sein, so wie ich bin. Mich zu zeigen, auch wenn ich anders bin, auch wenn ich eine Sprache spreche, die nicht meine Muttersprache ist, und vor allem, zu schreiben.

Veränderung gehört zum Leben. Veränderung bedeutet Wachstum, Entwicklung, Bewegung. Stillstand ist unnatürlich, die Natur zeigt es uns jeden Tag so schön. sie lässt los, wächst, verwurzelt und entwurzelt sich immer wieder neu.


Heimat als Erinnerung an das Einssein


Spirituell betrachtet ist Heimat die Erinnerung an unser wahres Wesen, die Erinnerung, dass wir alle Energie sind, wie alles um uns herum. Wir sind nicht getrennt, weder von der Erde, noch voneinander, noch vom Göttlichen. Wir sind alle miteinander verbunden im Gewebe des Lebens. Du bist ich, und ich bin du, nur in einer anderen Form.

Die tantrische Yogaphilosophie lehrt uns so schön, wir sind alle göttlich, und das Göttliche ist in uns allen.

Die Suche nach Heimat entsteht aus der Illusion der Getrenntheit. Doch du kannst das, was du in Wahrheit bist, nicht verlieren, so wenig, wie der Himmel verschwinden kann, nur weil Wolken ihn bedecken. Die Wolken sind die Gedanken, Vorstellungen und Rollen, mit denen du dich identifizierst. Wenn sie sich auflösen, bleibt der Himmel, klar, weit, unberührt.

Dann erkennst du, du warst nie fort. Du warst nur in Gedanken unterwegs.

Wenn wir in diese Erkenntnis hineinwachsen, verwandelt sich die Suche in ein Finden.

Dann sind wir zu Hause, mitten im Leben, mitten im Lärm, mitten in der Stille.

Jeder Atemzug wird zu einem Gebet, jede Begegnung zu einem Wiedersehen. Und der Weg dorthin beginnt genau hier, in diesem Moment, in uns.


Das Leben als Tor zur Rückkehr


Manchmal nutzt das Leben Verlust, Schmerz oder Stillstand, um uns zu diesem inneren Ort zurückzuführen. Was wir als Krise empfinden, ist oft der Moment, in dem die äußere Identität zerbricht, damit das Unzerstörbare sichtbar wird, unser wahres Selbst.

Wenn wir aufhören, gegen das Leben zu kämpfen, und beginnen, es anzunehmen, uns zu entspannen auch wenn es im Außen schwer ist, öffnet sich ein Weg. Ein Tor.

Ich habe lange gekämpft, bis mein Körper nicht mehr konnte, bis er nach Aufmerksamkeit schrie. Und dann erkannte ich, es liegt an uns, hinzuschauen und uns zu erinnern.

ALLES WAS WIR SUCHEN IST BREITS HIER

In uns, in unserem Herzen, unserer Seele, unserem Körper. Verwurzelt und verankert.


Und doch gibt es Orte, an denen wir uns mehr „angekommen“ fühlen. Diese Orte haben nichts damit zu tun, wo wir geboren oder aufgewachsen sind. Es können ganz fremde Orte sein, Orte, an denen du nie zuvor warst.

Wenn deine Füße zum ersten Mal diesen Boden berühren und dieses Gefühl aufsteigt, dieses tiefe Erinnern: Hier war ich schon einmal.



VON DANIJELA GOLD

 
 
 

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